Favorit auf alles – die Bayern-Dominanz

1 Dez

„München ist wie ein Zahnarztbesuch. Muss jeder mal hin. Kann ziemlich weh tun. Kann aber auch glimpflich ausgehen.“

Diese weisen Worte von Sebastian Prödl beschreiben das diesjährige Dilemma der Bundesliga recht genau. Egal wie gut du spielst, die Bayern sind besser. Egal wie defensiv du spielst, die Bayern finden eine Lücke. Egal wie sehr du dich aufgibst, die Bayern verkloppen dich trotzdem weiter. Wolfsburg? 5:1 verdroschen. Dortmund? 5:1 verhauen. Arsenal? 5:1 vorgeführt. Die Münchner spielen in diesem Jahr in einer eigenen Liga – und das hat mehrere Gründe.

Costa

CoCo statt Robbery

In den letzten Jahren waren die Bayern nur schwer aufzuhalten. Aber es ging. Dortmund, Wolfsburg und Barcelona haben das eindrucksvoll bewiesen. Die Münchner waren abhängig von ihren Flügelflitzern, Robben und Ribery plagen sich aber schon seit Jahren mit Verletzungen. In der entscheidenden Saisonphase waren beide nicht bei 100 Prozent oder gar nicht einsatzbereit. Das ist jetzt vorbei. Robbery ist immer noch dauerverletzt, dafür haben die Bayern nun vorgesorgt. Mit Douglas Costa haben sie den besten Transfer der vergangenen Jahre eingetütet und Coman lässt seinen großen Worten große Taten folgen. CoCo kann Robbery schon jetzt ersetzen und – noch viel besser – ist deutlich variabler einsetzbar.

Kaiseresk

Jerome Boateng war bereits in den vergangenen Jahren Weltklassse. Dieses Jahr hat er sich nochmal gesteigert. Aus dem bockstarken Innenverteidiger wurde ein Spielmacher, ein Verlagerer, ein Ideengeber – kurzum, ein Mats Hummels ohne Fehleranfälligkeit. Boatengs Ausflüge und schlafwandlerisch sicheren Bälle erinnern an den Kaiser. Die Defensive der Bayern wird durch Boateng noch sicherer und noch gefährlicher. Was wirklich keine schöne Aussicht für die Konkurrenz ist.

Müllered

Das Herz der Bayern, es lebt. Das Phänomen Müller funktioniert in diesem Jahr besonders gut. Thomas Müller steht richtig, läuft richtig und trifft richtig. In Guardiolas taktischem Konzept stellt Müller eine zusätzliche Variable dar – er ist der Zufall. Und wie der Zufall es so will, finden die Bayern gegen jeden noch so gut sortierten Gegner eine Lücke.

Müller

Pep der Umbaumeister

Die Bayern rennen 20 Minuten wirkungslos an – zack, eine Umstellung, und die München-Maschinerie kommt ins Rollen. Guardiola findet gegen nahezu jeden Gegner taktische Kniffe und Ideen, die das Bayernspiel bereichern. Es scheint aktuell keine Probleme zu geben, die der Trainermagier nicht zu lösen vermag. Aber eine Aufgabe wird sich ihm diese Saison ganz sicher stellen – eine Gleichung mit drei Bekannten.

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Die Trimagischen

Es gibt europaweit einen tatsächlichen Gegner für den FCB. Und das ist der FCB. Barcelona spielt wie die Bayern seine Gegner an die Wand und führt auch erbitterte Konkurrenten scheinbar mühelos vor. Das Prunkstück der Spanier ist dabei nicht die Defensive – es ist alles andere. Ein überragendes Mittelfeld wird von einem gottgleichen Sturm übertroffen. Messi, Neymar und Suarez bilden die beste Angriffsreihe, die ich je beobachten durfte. Die Kombinationen der drei – unwiderstehlich. Die individuelle Klasse – atemberaubend. Ihr Wirken zusammen – wettbewerbsverzerrend.

Es kann – nein, es muss auf dieses Spiel hinauslaufen. In diesem Jahr sind beide Teams ihren Gegnern um Längen voraus. Bayern wird national problemlos das Double einfahren, Barcelona ebenso. Und für das Spiel des Jahres treffen sich beide hoffentlich erst im Champions-League-Finale. Alles andere wäre verschwendete Dramatik.

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Pfundskerle – der englische Transferwahnsinn

2 Sep

Das Theater hat ein Ende – der Fußballer-Sommerschlussverkauf lief diese Woche aus. Diese Transferperiode hat eine Machtverschiebung im europäischen Fußball eingeläutet, der schwer zu widerstehen sein dürfte. Das englische TV-Geld hat den Transfermarkt verändert.

Viele Manager dürfen jetzt aufatmen, wenn sie ihre wichtigsten Spieler lange genug vor den englischen Finanzhaien verstecken konnten. Andere waren nicht so erfolgreich und haben jetzt zwar viel Geld, aber dafür weniger Qualität im Kader. Wolfsburg musste den Spieler des Jahres de Bruyne ziehen lassen, Hoffenheim ihren besten Stürmer Firmino und Leverkusen den Flügelflitzer Son. Adäquater Ersatz ist aktuell schwer zu beschaffen, da die Preise den aktuellen Marktwert der Spieler deutlich überschreiten. Die Bundesliga verliert an Attraktionen, die nur schwer zu ersetzen sind. Von der Konkurrenzfähigkeit her holen die Engländer mit Riesenschritten auf.

Die krassesten Transfer-Wert-Unterschiede:

  • Kevin de Bruyne Wert: 45 Millionen, Transfersumme: 74 Millionen
  • Anthony Martial Wert: 8 Millionen, Transfersumme: 50 Millionen
  • Roberto Firmino Wert: 25 Millionen, Transfersumme: 41 Millionen
  • Heung-Min Son   Wert: 16 Millionen, Transfersumme: 30 Millionen

Das ManCity-Phänomen

In Zeiten, in denen Verträge nichts mehr wert sind, werden aus Männern Pfundskerle. Geld regiert die Welt – zumindest im Fußball. Big-spending alleine macht aber noch keine Siegermannschaft, siehe ManCity. Das City-Phänomen dürfte sich wiederholen, viel Geld verleitet eben auch dazu, viel auszugeben. Elf gute Spieler sind noch keine Mannschaft. Diese Lehre werden einige Vereine in diesem Jahr machen. Dabei denke ich vor allem an Manchester United, die sich für irrwitzige 50 Millionen + Bonus den unbekannten Franzosen Martial gesichert haben. Hier scheint das zusätzliche Geld vor allem das Denken auszuschalten. Aber bessere und teurere Spieler erhöhen natürlich die Wahrscheinlichkeit, erfolgreich zu sein. Und das bringt England mittelfristig deutlich nach vorne.

Aus der Not eine Jugend machen

Was bedeutet das für den deutschen Fußball? Was tun mit dem vielen Geld? Man kann es in einem Rucksack im Park liegen lassen oder damit wirklich etwas anfangen. England kauft jedes Jahr gute Spieler weg? Dann machen wir eben neue! Eine groß angelegte Investition in Jugendarbeit und -förderung scheint eine attraktive Alternative für Bundesligavereine zu werden. So können die Verluste an Spitzenspielern leichter kompensiert werden und darüber hinaus ist der englische Transferwahnsinn für alle anderen Vereine sehr lukrativ. Wer seine Spieler weiter erfolgreich nach England verkloppen kann, bekommt Jahr für Jahr mehr Spielraum für die eigene Mannschaft. Das Risiko der Pfundskerle bietet den deutschen Vereinen eine echte Chance.

 

Gut Ding will Weiler haben

23 Jul
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Aufstieg – das ist der normale Anspruch eines Glubb-Fans. Aber was ist schon normal im Frankenland, hier ist man stolz auf die eigene Fahrstuhlmannschaft. Das bedeutet schließlich, besser als die anderen Zweitligisten zu sein. Das letzte Aufstiegsprojekt ist unter Valérien Ismael allerdings krachend gescheitert. Jetzt soll es René Weiler richten. Und er bekommt dafür womöglich die nötige Zeit und Gelegenheit.

Ihr seid nur ein Ausbildungsverein

Nürnberg ist für Profis eine Übergangsstation, anders kann man das nicht sagen. In den letzten zwei Jahren hatte der 1. FCN 41 Zu- und 41 Abgänge zu verzeichnen. Vereinstreue oder langfristiges Engagement? Fehlanzeige. Wer gute Leistungen zeigt, schafft es zu einem anderen Erstligisten, der Rest wird wieder verscherbelt. Aus dem Kader der Saison 13/14 sind nur noch drei Spieler verblieben. Der Verein macht damit ein gutes Geschäft, keine Frage. In den letzten fünf Jahren konnte ein Transferüberschuss von 19 Millionen Euro erwirtschaftet werden, in den letzten zehn Jahren sogar 38 Millionen. Weiler kann sich seinen Kader jetzt selbst zusammenbauen und hat Club-unüblich nur elf Spieler verpflichtet. Reicht die neue Gelassenheit zum Wiederaufstieg?

Get up or cry trying

Die Erwartungshaltung ist hoch. Ein weiteres Krampfjahr wie 2014/15 wird Weiler nicht überleben, dazu fehlt es den Franken an Geduld. Das Tal der Tränen soll diese Saison verlassen werden und die Chancen dafür stehen gut. Um ehrlich zu sein, sind sie genauso gut wie letztes Jahr. Aber irgendwann muss es ja aufwärts gehen. Der Trainer? Ist ein Guter. Die Konkurrenz? Schläft bestimmt. Und diese Neuverpflichtungen! Bombe. Was soll auf dem direkten Weg in Liga eins noch schiefgehen?

Glubb is a Depp

Es ist wie es ist – am Ende steht der Club sich selbst im Weg. Wir scheitern am eigenen Unvermögen oder an der Ungerechtigkeit der Welt. Eigentlich ist es immer die Ungerechtigkeit. Wir können schließlich nichts dafür, wenn unsere Stürmer nicht treffen. In den bisherigen fünf Testspielen konnte immerhin ein Sieg errungen werden, darunter waren Großkaliber wie der Drittligist Würzburg und die Bayernligisten Schweinfurt und Regensburg. Wenn jetzt die anderen Klubs aus Leipzig, Freiburg oder Kaiserlautern nicht wären, ja dann würden wir ganz sicher aufsteigen. Versprochen.

Ein ungleicher Kampf

26 Jun

Die Saison ist vorbei und damit beginnt die übliche, mehrmonatige Leidenszeit der Fußballfans. Das sage ich zumindest meiner Freundin, um sie zu beruhigen und von den Tatsachen abzulenken. Es gibt nämlich keine wirkliche Fußballpause mehr. Aktuell bespaßen die U21 und die Frauen-Nationalmannschaft die Fußballgemüter. Dabei duellieren sich zwei Top-Teams um die meisten Zuschauer und die Aufmerksamkeit der Medien und der Massen. Andere Sportarten haben bei einer derartigen Omnipräsenz keine Chance. Und es wird noch schlimmer (besser).

All hail to the king

Durch die erfolgreichen Gruppenphasen haben sich die U21, in der 3 von 24 tatsächlich unter 21 sind, und die Frauen-Nationalmannschaft für Olympia qualifiziert. Dabei ist Olympia doch eine der Veranstaltungen, die den Restsportlern (aus Fußball- und Aufmerksamkeitssicht) gehört. Hier können sich die Bogenschützen, Fechter und Kanuten beweisen und ihre zwei Wochen Ruhm ergattern. Das wird in Rio deutlich schwerer. Wie soll man sich gegen die medialen Wollmilchsäue Schweinsteiger, Lahm und Co. wehren, wie wahrgenommen werden? Auch die besten Leistungen und Rekorde verblassen gegenüber einem 3:0-Erfolg der Nationalmannschaft, Randsportarten unter den Restsportarten werden dadurch zu Fußnoten eines Events degradiert.

Fußball, Fußball über alles

Olympia ist die größte Veranstaltung im Leben eines Sportlers – wenn er kein Fußballer ist. Horst Hrubesch, der Trainer der U21 sagte dazu „Olympia hatte ich noch nicht“ und bringt es damit auf den Punkt. Fußballer haben ihre großen Turniere. Eine Weltmeisterschaft überstrahlt alles, auch Olympia. Europameisterschaften sorgen für weltweite Aufmerksamkeit und das jährliche Premiumprodukt Champions League generiert olympische Aufmerksamkeit – und das über einen Zeitraum von einem halben Jahr. Fußballer nehmen Olympia einfach mit, es ist ein ganz nettes Turnier nach der Europameisterschaft. Aber sie brauchen es nicht. Die Olympischen Spiele wollen von der Strahlkraft des Fußballs profitieren und riskieren dabei, ihr eigenes Leuchten zu verlieren.

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Kampf der Außenseiter

Olympische Geschichten sind Erzählungen von Außenseitern, die jahrelang trainieren, sich verletzen, zurückkommen, verlieren, hoffen, bangen und am Ende vielleicht triumphieren. Es sind menschliche Geschichten, die irgendwie einfach schön sind. Ob sie in Rio auch erzählt werden, wird sich zeigen. Schließlich gibt es da ja noch… oh – die Bayern haben Douglas Costa verpflichtet, Hammer-Transfer! Ob der Ribery wirklich ersetzen kann? Und Westermann, der legendäre HW4 ist auf dem freien Markt! Das wäre doch einer für höhere Aufgaben! Ach, gäbe es doch mehr Fußball…

 

Die Schlagbaren

21 Mai

Aus. Aus und vorbei. Die Bayern sind in dieser Saison zweifach gescheitert und stehen vor den Trümmern ihrer Saison. Wobei Trümmer immer noch Meister bedeutet. Eine Analyse der zwiegespaltenen Münchner Seele.

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Mia san ausgerutscht!

Am Anfang war Dortmund. Und dann ging alles schief. Mit dem DFB-Pokal-Aus gegen den BVB wurden die Krisenwochen eingeläutet. Es folgten drei Niederlagen in der Bundesliga und die unrühmliche und deutliche Schlappe gegen Barcelona. Der Nimbus der Bayern ist nicht nur angekratzt, der Lack dieser Saison ist komplett ab. Die grenzenlosen Ambitionen der Bajuwaren wurden grandios unterlaufen, die Münchner sind wieder schlagbar. Im Fußball geht es oft um das Momentum, das gefehlt hat. Am Ende dieser Saison war es nicht nur das Momentum. Es fehlte das Heldentum, die großen Aktionen großer Spieler, das wovon Kinder nachts träumen.

Mia san Meister!

Dominiert und in Grund und Boden gespielt! Die Bayern sind in der Liga immer noch haushoch überlegen, die Bundesliga wird zum Schaulaufen für die teuren Bayernwaden. Der einstige Erzfeind Dortmund lag fast 40 Punkte hinter den Bayern und viele Mannschaften bedankten sich artig für gerade noch einstellige Niederlage. Die voreilige Kapitulation vor der Bayern-Übermacht hat Pep Guardiola überrascht: „Aus einem 6:0 kannst du nichts lernen.“ 78:18 Tore sprechen eine deutliche Sprache – die Vorherrschaft des FCB in Deutschland ist ungebrochen. Und ein Ende ist nicht in Sicht.

Mia werden alt!

Xabi Alonso ist ein toller Fußballer, wenn… Wenn da dieses wenn nicht wäre. Für Laufduelle ist der Spanier nicht zu gebrauchen, Zweikämpfe mit Messi oder Neymar wirkten geradezu grotesk. Auch die weitere Bayernriege hat mit der Natur zu kämpfen. Philipp Lahm (31), Bastian Schweinsteiger (30), Arjen Robben (31) und Franck Ribery (32) zahlen langsam, aber sicher den Preis jahrelanger Weltklasse-Leistungen. Die Verletzungen häufen sich, die Dauer zur Rückkehr auf altes Leistungsniveau steigt, die Top-Leistungen werden weniger. Noch immer sind alle genannten Akteure Supersuper-Spieler, keine Frage. Im Vergleich zur hungrigen Riege des FC Barcelona wirken sie aber doch einen Tick zu satt, zu zufrieden mit sich und der Welt. Vielleicht hat Oli Kahn am Ende doch Recht. Es sind die Niederlagen, die dich zu einem großen Spieler machen. Und davon hatten die Weltmeister zuletzt nicht gerade viele.

Mia kaufen nach!

Es läuft nicht auf dem Feld, dann rollt der Rubel. Auf Misserfolge haben die Münchner stets mit dem Portemonnaie reagiert, was sich über die Jahre bewährt hat. Was nicht mehr bei den Gegnern spielen kann, hilft uns vielleicht auch. Gerade auf den verletzungsanfälligen Positionen müssen die Bayern nachrüsten. Für die Außenstürmerpositionen sollten junge Talente die sanfte Nachfolge von Ribrobb antreten, was der miasanrot-Blog hier meisterhaft aufgeschlüsselt hat. Dazu ist das defensive Mittelfeld eine Dauerbaustelle. Lahm sollte doch wieder Verteidiger werden und einem Nachfolger seinen Platz in der Zentrale überlassen. Einem jungen, hungrigeren Spieler. So hungrig wie Luis Suárez, zum Beispiel.

Mia san Pep!

Trotz allem ist Pep Guardiola der wohl begabteste Coach dieser Zeit, auch wenn er ein paar Spiele verloren hat. Das zeigt nur seine menschliche Seite und dass gegen einen Barcelona-Traumsturm einfach nichts hilft. Der Katalane wird seine Lehren aus diesem Jahr ziehen und mit einem aufgefrischten Kader nächstes Jahr zurückkehren. Eine Trainerdiskussion wäre in München absolut fehl am Platz, einen besseren Mann kriegt man nicht. Und bei einer Sache kann man sich sicher sein: Ein Pep Guardiola vergisst nicht. Er notiert alles und rächt sich. Vielleicht reichen diese Niederlagen aus, den absoluten Erfolgshunger wieder zu wecken.

 

Jürgen der Große

17 Apr

Jürgen Klopp verlässt am Saisonende Borussia Dortmund und mit ihm endet eine Ära.  Der BVB wurde in den letzten Jahren zur Nationalspieler-Schmiede und Bayern-Gegner Nummer eins. Klopp hat gezeigt, wie man aus wenig viel macht. Eine Würdigung.

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Ein Bild für die Ewigkeit. Klopp, der Meistermacher, verlässt den BVB durch den Notausgang. Am Ende scheiterte er an seinem eigenen Erfolg, sein inneres Feuer hat ihn und seine Spieler verbrannt. Wie kein anderer Trainer in Europa vermag Klopp es, sein Team zu pushen. Seine Ansprachen, sein Feuer, seine Motivationskünste machen aus einer durchschnittlichen Mannschaft eine gute. In Dortmund hat sich sein Stil mit der Zeit abgenutzt, er konnte seine Spieler nicht mehr so erreichen, wie es ihm in den Jahren zuvor gelungen war. Klopp bringt Emotionen ins Spiel und weiß sie für sein Team zu nutzen. Dortmund hat sich an ihm berauscht, aber auf jeden Rausch folgt irgendwann der Kater.

Echte Gefühle

Pep Guardiola ist der größere Taktiker, José Mourinho das größere Schlitzohr, Klopp dagegen ist der größte Pusher. Wie kein Zweiter vermag es Kloppo, seine Spieler ans Limit und darüber hinaus zu bringen. Auch aus einem Auswärtsspiel in Hoffenheim konnte Klopp das Spiel des Lebens für seine Spieler machen. Aus Rückständen wurden so unerbittliche Aufholjagden, ein Ausgleichstor wurde zum Signal zum Sturmlauf, aus Siegen wurden Serien. Sieben Jahre Klopp müssen für einen Spieler emotional verdammt anstrengend gewesen sein. Woche für Woche ging es ans Limit. Woche für Woche musste man mehr Einsatz zeigen als der Gegner. Woche für Woche eine neue Runde in der Emotionsachterbahn á la Klopp.

Bis zur Nationalmannschaft und noch viel weiter

Die Leistung Klopps ist noch viel höher einzuschätzen, wenn man sich den Spielerkader der letzten Jahre ansieht. Aus Talenten wie Mario Götze, Mats Hummels oder Ilkay Gündogan schleifte Klopps Weltstars heran, was aber nicht seine größte Leistung war. Entscheidender war, dass Klopp auch den schwächsten seiner Spieler zu einem funktionierenden Ganzen formen konnte. Das beste Beispiel ist Kevin Großkreutz, ein von der Veranlagung her durchschnittlicher Kicker. Unter Klopp wurde er zum Dauerrenner, zur absoluten Willensmaschine, zu einem Balljäger und in besten Zeiten sogar zu einem torgefährlichen Vorbereiter. Aber auch andere werden in ihrer Karriere das Klopp-Hoch nicht mehr erreichen. Ein Barrios, Sahin, Kagawa, Piszczek oder Subotic zeigten im BVB-Dress ergreifende Leistungen. Aber das Klopp-Feuer ist bei ihnen irgendwann verloschen.

Das Wunder vom Borsigplatz

6 – 5 – 1 – 1 -2 -2 – die BVB-Platzierungen der letzten Jahre. Mit der Amtszeit Klopps ist Dortmund aus seinem Dornröschenschlaf erwacht. In den Jahren zuvor kreuchte man durchs Mittelfeld der Liga, mit Klopp wurde man zu einem der besten Teams Europas. Dortmund wurde gefürchtet für sein Überfallspiel, kontern konnte keiner besser. Der BVB stand plötzlich für eine Spielidee, er wurde zu einer globalen Marke. Die „Echte Liebe“ konnte man dem Riesenkonzern sogar abnehmen, dank Markenbotschafter Klopp. Keiner lebte diesen Slogan mehr als er. Auch in der Trennung von seiner Liebe bleibt Klopp sich treu. Er will nur das Beste für seinen Verein, auch wenn das ein neuer Trainer und neue Impulse sind.

Das innere Feuer des Jürgen Klopp drohte in dieser Saison zu verlöschen. Er hat die Reißleine gezogen und gibt dem BVB eine Chance, sich neu zu erfinden. Und das muss er auch. Der aktuelle Kader funktioniert in der Form nicht, das Kloppsche Überfallspiel wurde zu einem Angriff mit Ansage. Es war durchschaubar. Vom Spielermaterial her hat Dortmund aber beste Voraussetzungen, in den nächsten Jahren wieder in der Champions League zu spielen. Das größte Problem für den neuen Trainer dürfte eher der Schatten des alten sein. Es gibt einfachere Aufgaben, als Jürgen den Großen zu ersetzen.

 

 

 

 

 

 

 

Sturm und Zwang – Löws Offensivdilemma

30 Mrz

Torgefährlich, flexibel und immer am rechten Fleck – aber bitte kein Stürmer. Jogi Löws Abgesang auf den Stürmer nimmt der Nationalmannschaft Plan B. Ab jetzt muss Plan A eben reichen.

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Nach dem 2:0-Sieg gegen Georgien mühten sich alle Beteiligten, den Gegner hoch- und die eigene Leistung schönzureden. Man habe das Spiel kontrolliert, in der Offensive gezaubert und überhaupt den Gastgeber an die Wand gespielt. Das entspricht teilweise der Wahrheit. Ebenso richtig ist das eher schnöde Endergebnis von 2:0 im Duell des 1. gegen den 113. der Weltrangliste. Die Offensive war dabei „spielfreudig“ und kreierte gerade in Halbzeit eins zahlreiche Chancen. Das lag einerseits an der individuellen Klasse der Offensivjuwele, andererseits an der technischen Limitiertheit der Georgier. Deutschlands Plan A – schöner, verschnörkelter Offensivzauber – ist ein guter Plan. Aber er muss nicht immer aufgehen.

Tod allen Stürmern

Nach der WM beendete der vorerst letzte deutsche Stürmer seine Karriere –  der ewige Miro Klose. Schon lange vorher bereitete Löw die Post-Stürmer-Ära vor und nominierte in der Angriffsabteilung ausschließlich Mittelfeldspieler. Gegen Georgien fanden sich auf den Zetteln der Journalisten plötzlich Max Kruse und Mario Götze als Stürmer wieder, was von der tatsächlichen Position und der Einteilung jeweils als „falsch“ angesehen werden kann. Ein gelernter Stürmer hat in Deutschlands Nationalmannschaft plötzlich keinen Platz mehr. Er wurde ausrangiert und darf bei der Nati 2.0 nur noch zuschauen. An seiner Stelle stehen quirlige, flexible Pass- und Dribbelmaschinen, die den Ball lieber ins Tor zaubern, statt ihn schnöde reinzumachen.

Plan B wie Brechstange

Die Nationalmannschaft ist Weltmeister. Sie tritt dominant auf, kontrolliert den Ball und das Geschehen und holt sich so Tore und Punkte. Geht der Plan auf, sind alle zufrieden und feiern King Jogi, den Trendsetter unter den Trainern. Geht der Plan aber mal nicht auf, wie im Spiel gegen Polen, fehlt eine Alternative. Das Kurzpassspiel versandet, die Offensivkräfte leiden an BVB-esker Torungefährlichkeit oder man hat einfach Scheiße am Fuß – was dann? Einen Systemwechsel auf Flanken und hohe, weite Bälle scheint nicht mehr möglich, das System Brechstange stirbt den Stürmertod. Ein Götze, Reus oder Özil werden in diesem Leben nicht mehr zu Kopfballmonstern und auch sonst sind Flanken auf sie eher eine Beleidigung, als ein probates Mittel. Stattdessen hat Löw eine Unzahl an Dribblern und Künstlern im Kader, die lieber in Schönheit sterben, als ein Kopfballtor zu machen.

Back to the Huf

Why not both? Löw rühmt sich, dass sein Team besonders flexibel agieren kann und vor Spielwitz nur so strotzt. Das Umstellen auf Plan B ist kein Verbrechen an Fußball-Ästheten, es könnte die Nationalmannschaft bereichern. Das Spielermaterial dafür ist vorhanden, auch wenn es im internationalen Vergleich etwas hinkt. Ein Alex Meier, ein Stefan Kießling und nicht zuletzt der wundgelegene Mario Gomez – sie alle können es hässlich. Einfach reinhufen, schmutzig abstauben oder mit dem Kopf reinwuchten. Wie man am Ende gewinnt, ist Nebensache. Und ein Systemwechsel während des Spiels zeugt doch eigentlich von Qualität. Also Schluss mit dem Sturm und Zwang. Lieber Jogi, gib den Stürmern noch eine Chance.