Frauen und Profis zuerst – warum es heute so schwer ist, seinen Club zu lieben

11 Aug

„Und? Wer ist dein Lieblingsspieler?“ Diese eigentlich einfache Frage hat mich, einen selbsterklärten Fußballexperten, ratlos zurückgelassen. Ich setzte kurz an, „tja, also, da gibt es viele“, aber in meinem Herzen weiß ich es selbst nicht. Aus Verlegenheit nenne ich einige Spieler, doch für mich kommen sie nicht wirklich in Frage. Entweder sind die Spieler zu alt oder sie spielen nicht mehr bei meinem Club.

Mein Verein macht es mir aber auch nicht einfach, der 1. FC Nürnberg ist ein sogenannter Ausbildungsverein und seines Zeichens Transferweltmeister. Ausbildungsverein ist ein wunderschöner Euphemismus und gleichbedeutend mit „hast du gute Spieler, kaufen wir sie dir weg. Hast du schlechte Spieler, hast du schlechte Spieler.“ All die Idole der vergangenen Jahre, sei es ein Drmic, Kießling, Gündogan, Wollscheid,Vittek und viele andere, alle sind sie gegangen. Dem großen Traum nachjagen und ihn vielleicht auch verwirklichen. Das Geld lockt ja schließlich, was will man da machen. Sogar Clubikonen wie Schäfer verließen den Club, um sich an anderer Stelle zu profilieren und nur im Falle eines Scheiterns zurückzukehren. Legt man die rosarote Fanbrille für einen Moment ab, versteht man die Profis ja auch. München, Leverkusen oder Dortmund bieten dir Champions League, die weite Welt und die Möglichkeit in großen Spielen unsterblich zu werden. Und Nürnberg? Tja, Abstiegskampf. Oder Aufstiegskampf, das kommt ganz darauf an.

In diesem Jahr hat es den Club mal wieder erwischt, er musste absteigen. Unter dem famos stoischen Verbeek spielten die Nürnberger Harakiri-Fußball vom Feinsten. Hinten drei kriegen, vorne vier machen, eine großartige Show. Nur das Ergebnis stimmte oft nicht, also musste Verbeek, der in seiner Natürlichkeit unvergleichlich war, gehen. Und mit ihm verließen die Frauen und Kinder, pardon, Profis das sinkende Schiff. 17 Spieler verließen Nürnberg nach dieser Saison, 16 Neue kamen hinzu. Ein normaler Kader besteht aus 23-25 Profis, davon sind 17 weg. Von den abgewanderten Profis spielen zwölf weiter in der ersten Liga, verteilt auf viele verschiedene Clubs. Was ist mit der guten alten Zeit, als man den Karren selbst wieder aus dem Dreck zog? Gab es das jemals? Oder ist das nur eine verklärte, romantische Kindheitserinnerung? Und mit wem zum Teufel soll man sich identifizieren? Außer dem Maskottchen fallen mir nicht viele Konstanten ein. Was bleibt ist der Name, die Farben und viele Erinnerungen. An wenige gute Zeiten und mehr schlechte. Auch gemeinsam erlebtes Leid schweißt zusammen.

Das alles muss man als Fan erst einmal verdauen. Und sich dann verwundert die Augen reiben, die Namen der Neuzugänge lernen und diese in der nächsten Saison anfeuern. Dieser Sylvestr und der Schöpf! Die schlagen ein, das werden die neuen Helden. In diesem Jahr wird alles besser. Nürnberg steigt auf und kann dann endlich mit den Großen mithalten. Ich muss nur kurz meine rosa Brille finden, dann klappt das auch alles. Ganz bestimmt.

 

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